Schweizer Kurienkardinal und Ökumene-Verantwortlicher im "Kathpress"-Interview zur Bedeutung des Konzils, zur Ökumene und zu den Lefebvrianern
Vatikanstadt (KAP-31.07.2012) Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch hat sich gegen Argumente insbesondere der lefebvrianischen Piusbrüder gewandt, die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils hätten einen unterschiedlichen Verbindlichkeitsgrad. Zwar könnte man formale Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Textgattungen erheben - zwischen Konstitutionen, Dekreten und Erklärungen. Aber es gebe kaum Unterschiede in der Verbindlichkeit in inhaltlicher Hinsicht, stellte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates am Dienstag 31.7.12 in einem Interview mit "Kathpress" in Rom klar. Das Ökumenismus-Dekret etwa habe seine dogmatischen Grundlagen in der Kirchen-Konstitution.
Die Ökumene, einer der Kritikpunkte der Lefebvrianer, müsse zentrales Thema der Kirche sein und bleiben, unterstrich Koch. Das Konzil habe von Anfang an zwei Hauptziele deklariert, die Kirche zu erneuern und die Einheit der Christen wiederherzustellen. Dies sei der "Fokus des ganzen Konzil", betonte der Kardinal. Insofern sei die Ökumene kein Nebenthema oder irgendein Anhängsel, "sondern ein zentrales Thema des Konzils. Deshalb muss es ein zentrales Thema der Kirche heute sein", so der Schweizer Kurienkardinal.
Mit ihrer Konzilskritik würde die "Priesterbruderschaft Pius X." ähnliche Positionen wie Martin Luther vertreten. Sie gingen offensichtlich davon aus, dass das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) Fehler begangen hat, sagte Koch. "Dass Konzile auch irren können, ist allerdings eine Behauptung, die auf Martin Luther zurückgeht", gab der Kurienkardinal bedenken. "Von daher müssen sich die Traditionalisten schon fragen, wo sie denn eigentlich stehen."
Neuausrichtung auf Ziel des Konzils
Das vor 50 Jahren eröffnete zweite Vaticanum habe eine Erneuerung der Kirche gewollt und gebracht, nicht aber eine neue Kirche. Auf dieses Ziel hin brauche die Kirche heute eine Neuausrichtung, betonte Koch. Er erinnerte an Papst Benedikt XVI., der bald nach seinem Amtsantritt in einer Grundsatzrede über die Bedeutung des Konzils von einer "Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches" und einer "Hermeutik der Reform" gesprochen hatte. Dabei gehe es dem Papst keinesfalls um reine Kontinuität, wie ihm mitunter unterstellt werde, betonte Kardinal Koch. "Eine solche vertreten die Traditionalisten." Vielmehr sehe der Papst eine "Verbindung von Erneuerung und Kontinuität in dem Sinne, dass das Konzil eine Erneuerung der Kirche gewollt und gebracht hat, aber nicht eine neue Kirche".
Vor gemeinsamer Erklärung mit Lutheranern
Im "Kathpress-"Interview bestätigte Kardinal Koch auch Vorbereitungen zu einer gemeinsamen Erklärung von Vatikan und Lutherischem Weltbund aus Anlass des Reformationsgedenkens im Jahr 2017. Die Vorbereitungen seien an einem guten Punkt, sagte der vatikanische Ökumene-Verantwortliche. Beide Seiten müssten überlegen, was sie gemeinsam zu diesem Anlass sagen könnten. Er hoffe, dass der geplante Text "auf beiden Seiten gut verantwortet werden kann". Ob es zu diesem Anlass eine gemeinsame Veranstaltung auf Weltebene geben werde, stehe noch nicht fest, so der Kardinal.
Vertreter des vatikanischen Einheitsrates und des Lutherischen Weltbundes hatten bei ihrer letzten Sitzung im Juli im deutschen Paderborn die Beratungen über eine gemeinsame Erklärung beendet. Über die Veröffentlichung soll demnächst entschieden werden.
Hoffen auf Treffen von Papst und Kyrill I.
Hoffnung gibt es weiter auch für ein historisches Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und dem orthodoxen Moskauer Patriarchen Kyrill I. Die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen hätten sich in den letzten Jahren positiv entwickelt, sagte Kardinal Koch. Zur Frage nach einem Termin äußerte der Kardinal: "Moskau hat mir klar signalisiert, dass man noch nicht über Daten reden möchte", so Koch.
Kyrill hatte bei einem jüngsten Moskau-Besuch von Italiens Regierungschef Mario Monti von einer deutlichen Verbesserung in den Beziehungen zwischen der russischen Orthodoxie und dem Vatikan gesprochen. Koch äußerte sich erfreut über diese Einschätzung, die er aus vatikanischer Sicht gerne bestätige. Sein eigener Besuch bei Kyrill im vergangenen Jahr sei sehr positiv und sehr freundlich verlaufen. Zudem habe der Moskauer Außenamtschefs Metropolit Hilarion in letzter Zeit mehrere bemerkenswerte Initiativen gestartet, unter anderem ein Konzert in Rom zu Ehren des Papstes. "Das alles sind Zeichen einer positiven Entwicklung. Ich hoffe, dass es gute Schritte sind, die einmal zu einer Begegnung zwischen dem Papst und dem Patriarchen führen können", so der Kurienkardinal.