DIE KIRCHE IM 21. JAHRHUNDERT - von Johannes Sinabell -TEIL 2
Der amerikanische Journalist John Allen beschäftigt sich intensiv mit der katholischen Kirche als Weltorganisation. Er gilt als Vatikan-Experte des amerikanischen Senders CNN. Seine Texte werden in katholischen englischsprachigen Zeitschriften ebenso veröffentlicht wie in der „Furche“. Aufgrund seines Einblicks in die Vielfalt der Kirche und die Vielgestaltigkeit der Anforderungen, mit der sie konfrontiert sein wird, legt er in seinem kürzlich erschienenen Buch zehn Trends dar, die die Kirche im 21. Jahrhundert revolutionieren werden.
Herausforderungen
Eine ganz wesentliche Herausforderung habe ich Ihnen in diesem Beitrag bereits vorgestellt. Allen sieht in der katholischen Kirche eine Organisation, die jetzt wirklich eine Weltkirche wird, da sich die Verschiebung der Mitgliedermehrheit in den außereuropäischen Raum gesamtkirchlich spürbar abbilden wird.
Weiters geht er davon aus, dass der Katholizismus ‚evangelikal‘ wird. Damit meint er, vereinfacht ausgedrückt, dass das Problem der Kirche nicht die Krise ihrer Lehre, sondern die Krise ihrer Glaubenstreue ist. „Die Hauptmerkmale des evangelikalen Katholizismus sind: das klarere Stehen zum traditionellen katholischen Denken und Sprechen und zur katholischen Praxis, also zu dem, was man üblicherweise als ‚Orthodoxie‘ bezeichnet; die Bereitschaft, der Welt seine katholische Identität zu verkünden und deren Folgen für Kultur, Gesellschaft und Politik zu betonen; den Glauben als persönliche Entscheidung statt als kulturelles Erbe zu vertreten.“(S. 69f.)
Als dritte Herausforderung nennt er den Islam. Christen und Muslime stellen gemeinsam mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung. Daher ist das Verhältnis der Vertreter beider Weltreligionen von großer Bedeutung. Neben vielen Bereichen, in denen sie in Konkurrenz stehen, gibt es Übereinstimmungen, in welchen sie dieselben Werte – wie die Heiligkeit des menschlichen Lebens und den Wert der Familie – vertreten und verteidigen. Allen kommt zum Schluss: „Unabhängig davon, ob Christen und Muslime schließlich konstruktiv kooperieren werden oder in Konflikten und Rivalitäten stecken bleiben, wird jedenfalls ihre Interaktion im 21. Jahrhundert eine der maßgeblichen Antriebskräfte der Weltgeschichte werden.“ (S. 116)
Intern ist die Kirche damit konfrontiert, dass die Laien sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche immer mehr an Bedeutung gewinnen. In der Kirche übernehmen sie Dienst- und Verwaltungsämter, die bisher von Priestern besetzt waren. „Außerhalb machen sich Laien selbstständig daran, die Kultur zu evangelisieren und ihre Praxis an der katholischen Soziallehre auszurichten.“ (S. 206) Hoch motivierte Laienverbände sind in Kirche und Gesellschaft spürbar aktiv.
Eine weitere Herausforderung stellt die Beantwortung der Frage dar, wie die Kirche reagieren wird, dass die Bevölkerungszahlen im globalen Süden wachsen, während sie im Großteil des Nordens schrumpfen. Weiters wird die Kirche auch gefordert sein, sich den Fragen und Entwicklungen der Biotechnologie zu stellen. Diese Wissenschaft und die damit verbundene Industrie beschäftigen sich mit den biologischen Funktionsweisen von Menschen, Tieren und Pflanzen sowie den Möglichkeiten, „diese biologischen Prozesse mittels technischer Mittel zu manipulieren.“ (S. 245) Auch die Globalisierung ist ein Trend, dem sich die Kirche stellen muss. Diese „von der Technologie, den Kommunikationsmitteln, dem Reisen und der wirtschaftlichen Integration vorangetriebene weltumspannende Verknüpfung aller mit allen, die für manche ungeheure Möglichkeiten brachte, ließ andere noch weiter zurückfallen.“ (S. 286). Mit der verstärkten Wahrnehmung, dass wir Teil einer Erde sind, geht auch die Erkenntnis der Grenzen der Ressourcen und der Auswirkungen der Ausbeutung der Erde einher. Die Sorge um die Schöpfung ist ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens. Daher wird das Umweltbewusstsein in der Kirche verstärkt Bedeutung erhalten.
Wie oben beschrieben, gewinnen die Länder außerhalb Europas und der USA in der Kirche immer mehr an Einfluss. Aber auch allgemein verschieben sich weltweit die Machtverhältnisse. Die Vereinigten Staaten haben nicht mehr die unumstrittene Führungsrolle. Staaten wie China, Russland, aber auch Brasilien und Indien gewinnen immer mehr an Bedeutung. Die Geschichte wird nicht mehr von einer Großmacht bestimmt oder durch die Spannung zwischen zwei Mächten – wie zur Zeit des Kalten Krieges –, sondern es gibt eine Interaktion zahlreicher Einflussträger. In dieser multipolaren Welt muss die katholische Kirche ihren Platz und ihre Rolle finden.
Als größte Herausforderung innerhalb des Christentums sieht Allen die Pfingstbewegung. Diese hat im vergangenen Jahrhundert eine beeindruckende Kraft entwickelt. Während sie in den 1970er-Jahren weniger als sechs Prozent der weltweiten Christen ausmachte, sind Ende des 20. Jahrhunderts fast 20 Prozent der Christen Pfingstler. Und das Wachstum setzt sich rasant fort.
Eine zentrale Herausforderung für die Zukunft der Kirche, die Allen sieht, ist noch wichtig, festzuhalten. „Dem Katholizismus stellt sich an seiner Basis die eigentliche Herausforderung, nicht vom Säkularismus her, sondern von der Dynamik einer bemerkenswert starken Konkurrenz auf dem Marktplatz der Religionen. Die Folge dürfte sein, dass sich im 21. Jahrhundert der Katholizismus weniger stark auf seine Abwehr der säkularen Indifferenz verlegt, sondern sich eher darauf konzentriert, sich mit neuem Schwung ans Missionieren zu begeben.“ (S. 468)
Zusammenfassung
Mag sein, dass der Autor in manchem irrt und Zeichen falsch deutet. Allens Buch beeindruckt vor allem dadurch, dass es den eigenen Horizont erweitert. Es rückt die Kirche als Weltkirche in den Blick. Es tut gut, Fragen nicht aus der eingeschränkten europäischen Sicht anzusehen, sondern mit den Augen eines Journalisten, der mit wachem Blick vieles in der Welt vor Ort analysieren konnte und der nun die Möglichkeit bietet, an seinen Überlegungen teilzuhaben. Eigenartigerweise werden durch diese Betrachtungsweise die Probleme, mit denen wir in der Kirche Österreichs konfrontiert sind, nicht kleiner und unwichtiger. Sie behalten ihre Brisanz, reihen sich aber in eine Vielzahl von Problemen ein, die auch andere in ihrer Kirche oder Kultur erleben.
Allen ist sich der Gefahr bewusst, dass vieles in der Kirche, aber auch einige Herausforderungen, denen sie sich stellen muss, zu Resignation und Hoffnungslosigkeit führen könnten. „Die schlichte Wahrheit ist, dass der Katholizismus ungeheuer komplex ist und ungeheuer ambivalent. Es ist weithin so, dass er einem gleichermaßen die Seele erhebt und das Herz bricht. An die Kirche zu glauben, hat nie geheißen, zu glauben, dass sie alles richtig macht. Es heißt, trotz all dessen, was sie macht, nie die Hoffnung aufzugeben.“ (S. 494)
Johannes Sinabell
Literatur:
John L. Allen, Das neue Gesicht der Kirche. Die Zukunft des Katholizismus, Übersetzung von Bernardin Schellenberger, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011.
aus der Zeitschrift "miteinander - Welt und geistliche Berufung", April 2012.
www.miteinander.at
9.7.2012