Gott wurde ein Kind - wir sind Kinder Gottes

"Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie." (Gen 1, 27)


"Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie." (Gen 1, 27)

"Seht, wie groß die Liebe ist, die uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es." (1 Joh 3, 1)

Wir kennen diese Aussagen, und sie sind uns so geläufig, dass wir sie gar nicht mehr in ihrem Aussagewert hören. Die Aussage: "Du bist Tochter Gottes, du bist Sohn Gottes" muss bei mir ankommen. Sie bestimmt meine Herkunft. Ich bin nicht nur Tochter, Sohn meiner Eltern, sondern ... Stellen wir uns das konkret vor: Wir stammen buchstäblich von Gott ab. Am Beginn unserer Existenz steht der Segen, die Liebe, das Einssein mit Gott - und nicht die Erbsünde.

"Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut." (Gen 1,31) Die Bibel baut auf dieses grundlegende Gutsein.

Doch gibt es auf unserem Lebensweg Versucher, die uns Zweifel an unserer guten Existenz ins Herz säen, wie es in der Paradiesesgeschichte bei Eva und Adam geschah. Der Versucher säte das Misstrauen. "Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, nicht aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse." (Gen 2, 16f und Gen 3, 1-6; vgl. auch Mt 4, 1-11). Wir pflücken jede Menge Obst vom Baum der Erkenntnis und üben dabei das Aussortieren, wer gut und wer böse ist. Wenn in der Bibel von "Richten, Gericht" die Rede ist, dann ist es ein Ausrichten auf die Liebe. Wenn wir richten, führt das selten zur Liebe. Ich denke, weil sich Religion und Theologie in Richtung Moraltheologie entwickeln, warnt Gott: "Esst nicht vom Baum der Erkenntnis."
Wir schauen nicht auf das Sein, auf die Würde, die Gotteskindschaft, sondern wir werten in Gut und Böse.

Die Bibel versucht in den Lebensgeschichten der biblischen Gestalten das Einssein des Menschen mit Gott vor Augen zu führen. Doch gibt es Strömungen in der Theologie, die an die Stelle des Ursegens die Ursünde, die Erbsünde setzen. Wer so negativ ansetzt, wird sich schwer tun, liebe- und verständnisvolle Menschen heranzubilden. Die wesentliche Aufgabe einer Theologie ist, den Menschen nicht zu vermitteln, dass sie würdig werden müssen, sondern dass sie würdig sind, dass wir uns nicht den Himmel verdienen müssen, sondern dass ich heimfinden muss wie der verlorene Sohn.

Gott ruft nach Menschen, die IHN als Bild und Gleichnis verkörpern. Doch "berufen sein" heißt nicht, dass Gott die Berufenen mehr liebt oder dass manche würdiger wären. Der Berufene hat allen anderen deutlich zu machen, dass sie auch würdig und auserwählt sind. Die einen sollen die anderen auch in die Tiefe führen, in die sie selbst geführt wurden. Du kannst Menschen nur in dem Maße verwandeln, in dem du selbst verwandelt worden bist. Du kannst andere nur so weit führen, wie du selbst gegangen bist. Du kannst einem anderen nicht beibringen, dass er gut und etwas Besonderes ist, solange du das nicht von dir selbst glaubst.
Nur geliebte Menschen können die Erfahrung des Geliebt-werdens weitergeben.

Echte Moral besteht darin, Gott nachzuahmen. Seht, was Gott tut! Machen wir es ihm nach.

Gott wurde Mensch - werden wir Schwestern und Brüder!
Dann wird Weihnachten!

De colores!

P. Engelbert

14.12.2010

  

P.Engelbert Jestl CSsR ist geistl.Leiter der Cursillos in der ED Wien.

Der Beitrag ist auch in "unterwegs", Nr.17/Dezember 2010, dem Rundbrief für Cursillistas in der ED Wien erschienen.


 

 

Heilsoffenbarung

 

Wer das helfende Wort in sich aufruft, erfährt das Wort.

Wer Halt gewährt, verstärkt sich in Halt.

Wer Trost spendet, vertieft sich in Trost.

Wer Heil wirkt, dem offenbart sich das Heil.

 

Martin Buber