Mehrere Bischöfe berichteten bei der Bischofssynode im Oktober 2009 über das geistliche Leben in ihren Diözesen. Wir hörten erschütternde Berichte, wie christliche Gemeinschaften durch die Botschaft der Bibel überleben konnten, trotz grausamer Verfolgung und Unterdrückung.
1. Zusammenfassung der Interventionen von 240 Bischöfen
Das Christentum ist nicht eine Religion des Buches, sondern eine Begegnung mit dem auferstandenen Christus, mit dem wir leben. Es war das Anliegen der Synode, dass der Gebrauch der Heiligen Schrift in der Kirche darauf abzielen soll, dem lebendigen Christus zu begegnen. Die Schrift muss die "Seele" theologischer Überlegungen sein und alle pastoralen Tätigkeiten durchdringen. Ich konnte allerdings eine große Hilflosigkeit bei den Bischöfen feststellen, wie wir dieses große Ziel erreichen könnten.
Papst Benedikt XVI. hat darauf hingewiesen, dass uns die wissenschaftliche Exegese viel Positives geschenkt hat, "aber sie hat auch den Eindruck entstehen lassen, dass ein normaler Mensch die Bibel gar nicht lesen kann, weil alles so kompliziert ist." (Salz der Erde, 285).
Diese Einschätzung der Bibel durch den Papst kam auf der Synode immer wieder zum Vorschein. Da über ein Drittel der Synodenväter das Biblicum in Rom absolviert hatten, konnte man bei ihnen ein gewisses Unbehagen über diese päpstliche Feststellung spüren, die sich in gewissen Abstimmungsergebnissen bemerkbar machte.
2. Beitrag von Bischof Oswald Hirmer
Ich begann meine Intervention mit dem Hinweis, dass in Bibelkreisen und biblischen Vorträgen viel über Jesus und viel über den lieben Gott gesprochen und diskutiert wird. Die Heilige Schrift ist aber nicht eine Information ÜBER Gott, sagte ich, sondern ein "sakramentales Zeichen" der Gegenwart Jesu. Das Wort Gottes ermöglicht es uns, den "Saum von Jesu' Gewand zu berühren" und die Kraft zu erfahren, die von einer persönlichen Begegnung mit ihm ausgeht. Nach unserer katholischen Auffassung enthält die Bibel nicht das Wort Gottes, sondern ist es. Deshalb begrüßen wir das Evangelienbuch mit dem Halleluja-Osterruf an den Auferstandenen und antworten nach der Verkündigung des Wortes mit: "Lob sei dir, Christus." Die Heilige Schrift benützen heißt für uns, mit Jesus selbst in Berührung kommen.
In der Gruppenarbeit habe ich auch darauf hingewiesen, dass der Diakon Philippus dem Kämmerer aus Äthiopien nicht eine Schulexegese hielt, sondern ihm geholfen hat, dem auferstandenen Christus in den Worten der Schrift zu begegnen. Dieser "geistliche Zugang" zur Heiligen Schrift war die "Erklärung", die der Kämmerer brauchte. Wir auch!
Die Methode der "Sieben Schritte"
Da wir nur 5 Minuten reden durften, habe ich in kürzester Form die "Sieben Schritte" vorgestellt, in der wir das Wort der Heiligen Schrift als "sakramentales Zeichen der Gegenwart Jesu" erleben können. Bibel-Teilen ist eine Fortsetzung der Wortliturgie bei der Feier der Eucharistie und nicht eine Weiterführung einer Bibeldiskussion an der Universität, so sagte ich.
Ich habe darauf hingewiesen, wo die "Sieben Schritte" gut gemacht werden, können wir die Gegenwart Jesus lebendig erfahren. Ich berichtete von einem alten Pfarrer, der einen Kurs über südafrikanisches Bibel-Teilen auf der Insel Reichenau mitmachte. Bei der Schlussrunde sagte er: "Ich habe mein ganzes Leben lang Katechismus unterrichtet, Sakramente gespendet und Eucharistie gefeiert. Ich habe aber die Gegenwart Jesus noch nie so wirklich und lebendig erfahren dürfen als in dieser Woche beim Bibel-Teilen.
Reaktionen zu meinem Beitrag auf der Synode
Bei einer persönlichen Begegnung mit dem Papst am Rande der Synode hat er seine Freude über meinen Beitrag ausgedrückt. Darüber bin ich sehr froh. Ein Sekretär der Synode hat mir bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt: "Ich danke Ihnen für den Reichtum, den Sie zur Synode gebracht haben."
Mit anderen Worten, diese Reaktionen auf meinen Beitrag zeigen, dass wir mit unseren verschiedenen Methoden des Bibel-Teilens auf dem rechten Weg sind.
3. Vorschläge, die dem Papst übergeben wurden
Nicht nur "Lectio Divina"
In Vorschlag Nr. 21 schlägt die Synode dem Papst vor, die uralte Bezeichnung "Lectio Divina" in "Lectio Grans" (betendes Lesen) umzubenennen, um auch andere geistliche Wege der Schriftlesung damit zu benennen, z.B. die "Sieben Schritte".
Kleine christliche Gemeinschaften
In einem anderen Vorschlag werden kleine christliche Gemeinschaften, auf dem Fundament des Bibel-Teilens, empfohlen als "kraftvolles Mittel gegen Abwanderung zu Sekten und Fundamentalismus."
Weitere Vorschläge
• In den Familien soll ein Platz für die Bibel eingerichtet werden.
• Predigten sollen mehr biblisch sein. Der Bibeltext soll zu Wort kommen.
• Wenigstens bei feierlichen Gottesdiensten soll eine Bibel-Prozession stattfinden.
• Bibel- Vigilien haben sich bewährt, bei denen zwei Wochen lang Tag und Nacht die ganze Bibel vorgelesen wird. Bis zu 200 Lektoren werden benötigt.
• Abschnitte der Heiligen Schrift sollen auswendig gelernt werden.
Bischof Oswald Hirmer, Südafrika
aus „LINZER BIBELSAAT Nr.115 / Dezember 2010,
http://www.dioezese-linz.at//bibel
Anmerkung:
Über die im Beitrag erwähnte Methode der "Sieben Schritte" gibt es HIER Informationen