Unsere Kirche im Exil

Die Exilserfahrung des Volkes Israel im Vergleich mit der Situation der Christen heute. Offene Worte von P. Arno

 

Exilserfahrung des Volkes Israel

 

598 v. Chr. wurde Jerusalem erobert und der Tempel, jenes phantastische Bauwerk des Königs Salomo, durch Nebukadnezar zerstört.
Ein Großteil der Bevölkerung, vor allem die Oberschicht, wurde nach Babylon deportiert. Das Exil dauerte 59 Jahre und wurde als religiöse Strafe empfunden, obwohl äußerlich in Babylon für die Exilierten komfortable Lebensumstände herrschten: Die ausgesiedelten Juden konnten ohne Zwang Handel, Landwirtschaft und Häuserbau betreiben. Sie konnten ihre Traditionen und ihre religiöse Identität bewahren.

Das Erstaunliche war nun, dass die zuerst empfundene Katastrophe letztendlich sehr heilsam war: das babylonische Exil wurde ironischerweise zu einer der fruchtbarsten Zeiten der jüdischen Theologie. In der Fremde entstand ein reger Austausch über geistliche Themen, es entstand wertvolle Literatur, die z. T. im AT überliefert ist. Mit dem Fehlen des heimatlichen Tempels von Jerusalem endete die Fixierung der Juden auf den Tempel als alleinigen Ort des Gebets, und es entstanden die ersten Synagogen.

Exilserfahrung heute

Die kirchliche Situation, wenigstens in Europa, wird von Theologen immer öfter mit dem damaligen Exil verglichen: Der seinerzeitige Machtverlust der jüdischen Oberschicht entspricht dem Verlust von gesellschaftlichem Einfluss der Kirche heute; der starke Rückgang der Priester- und Ordensberufungen erinnert an die Situation der damaligen Tempelpriester, die - ohne Tempel- ihre Aufgabe neu definieren mussten. Kirchenaustritte, eine kleiner werdende Kerngemeinde finden ihre Entsprechungen im verlorenen Land des Volkes Israel.

Schmerzvolle Verluste

Oft muss etwas zu Grunde gehen, damit Neues entsteht. Jedoch ist meines Erachtens alles daran zu setzen, unnötige Verluste zu vermeiden. Verschiedenste Initiativen engagieren sich zur Erneuerung der Kirche beizutragen, spirituell und strukturell. So z.B. versucht unsere "Pfarrerinitiative", geleitet von Mag. Helmut Schüller, Reformen voranzutreiben, damit unsere Pfarren auf Grund des dramatisch wachsenden Mangels an Leitungspersonen nicht weiteren massiven Schaden erleiden: Was durch Jahrhunderte in unseren Pfarrgemeinden gewachsen ist, kann durch die derzeitige fahrlässige Haltung der Kirchenleitung in kurzer Zeit zusammenbrechen bzw abbröckeln...

Es wäre mir unendlich leid um die Verluste, die unseren Gemeinden drohen - religiöse Beheimatung, Lebendigkeit pfarrlicher Gruppierungen, Pfarrhof als Ort der Begegnung, soziales Netz, Feste und Brauchtum uvm. Wer solche Entwicklungen in Kauf nimmt, möge sich nicht mehr als "Hirt" bezeichnen.

Notwendiges Zu-Grunde-Gehen als Heilszeit

So wie der Tempel in Jerusalem - einerseits Gotteshaus, andererseits religiöses Machtzentrum - zerstört wurde, müssen Machtstrukturen in unserer Kirche zu Grunde gehen, weil sie mit dem Evangelium unvereinbar sind.


Ich vertraue darauf, dass Gott uns in unserer Zeit neue Wege zeigt und aus Absterbendem Neues wachsen lässt!
De colores!

Euer P. Arno Jungreithmair


P. Arno Jungreithmair ist Benediktiner in Kremsmünster und Pfarrer von Kremsmünster und Sattledt und langjähriger Begleiter vieler Cursillos

29.9.2010

 

Der Beitrag ist auch in "Der Vierte Tag", Nr.3-Jahrg.31/September 2010, dem Infoblatt für Cursillistas in der Diözese Linz, erschienen.

 

 

 

 

 

 

Nicht aufgeben!

Ein Stück des Weges liegt hinter dir,
ein anderes Stück hast du noch vor dir.
Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stärken,
aber nicht, um aufzugeben.

Augustinus