Katholisch-orthodoxer Dialog: Experte warnt vor zu hohen Erwartungen

Münsteraner Ökumene-Experte Prof. Bremer im "Kathpress"-Gespräch über die strittige Frage des Papstamtes und das Problem der katholischen Ostkirchen

 

Wien-Münster (KAP-23.09.2010) Vor zu hohen Erwartungen an den aktuellen katholisch-orthodoxen Dialog hat der Münsteraner Ostkirchen- und Ökumene-Experte Prof. Thomas Bremer gewarnt. Die Delegierten zur zwölften Vollversammlung der katholisch-orthodoxen Dialogkonferenz ringen derzeit im Wiener Kardinal König-Haus um eine gemeinsame Darstellung der Position des Papstes in der ungeteilten Kirche im ersten Jahrtausend. Prof. Bremer hat im Gespräch mit "Kathpress" die Knackpunkte der Debatte erläutert.

Zahlreiche Dokumente aus dem ersten Jahrtausend seien vorhanden, würden von Ost- und Westkirche aber unterschiedlich gedeutet. Die orthodoxe Kirche gehe zwar auch - wie die katholische Kirche - davon aus, dass dem Bischof von Rom (Papst) eine Art "Ehrenprimat" zugekommen war und er darüber hinaus zuweilen Appellationsinstanz in strittigen Fragen auch für die Ostkirchen war. Juristische Vollmachten seien damit aber nicht verbunden gewesen. Von römisch-katholischer Seite werde hingegen die Appellationsinstanz auch in Richtung juristischer Vollmachten gedeutet.

Klar sei, dass der Primatsanspruch des Bischofs von Rom im Verlauf des ersten Jahrtausends an Bedeutung zugenommen habe. Dabei hatte der Papst aber zu keiner Zeit jene Position in der Gesamtkirche inne, die er heute in der römisch-katholischen Kirche einnimmt.

Die strittige Frage rund um das Papstamt bewege sich letztlich im Spannungsfeld zweier Pole. Auf der einen Seite stehe das Prinzip der bischöflichen Kollegialität und Synodalität, auf der anderen das Prinzip des Primats, das davon ausgeht, dass es in jedem Kollegium auch einen Vorsitzenden mit Vorrangstellung geben muss. Erstes Prinzip werde von der Orthodoxie stärker betont, zweites von der katholischen Kirche. Die entscheidende Frage sei, so Bremer, ob sich orthodoxe und katholische Seite auf eine vermittelnde Position einigen können.

Schon auf der Vollversammlung der Dialogkonferenz in Ravenna 2007 hatte die orthodoxe Seite anerkannt, dass der Primas auf der universalen Ebene der Kirche gemäß altkirchlicher Tradition der Bischof von Rom ist. Die katholische Seite stimmte andererseits zu, dass das Prinzip des Primats immer mit dem synodalen Prinzip verbunden ist, eine Autonomie der Teilkirchen also gewahrt bleibt.

Bremer warnte allerdings im "Kathpress"-Gespräch davor, das Ravenna-Dokument zu hoch zu bewerten. Es bedeute nicht, dass die Orthodoxie damit auch nur annähernd das Papstamt in seiner heutigen Form anerkannt habe. Weiters gebe es auch innerhalb der Orthodoxie Spannungen und Widerstände gegen die Ökumene.

Die katholischen Ostkirchen

Ein weiteres gravierendes Problem im katholisch-orthodoxen Dialog eröffnet sich rund um die Existenz der katholischen (unierten) Ostkirchen. Ursprünglich war für den Dialog vereinbart worden, "von dem auszugehen, was uns gemeinsam ist, und es dann so zu entfalten, dass wir von innen her und schrittweise alle die Punkte angehen, in denen wir nicht übereinstimmen". Dies wurde 1982 in München in der Einleitung zum ersten gemeinsamen Dokument der Kommission ausdrücklich niedergelegt. Trotz auftretender Schwierigkeiten bei den folgenden Konferenz in den 1980er-Jahren sah man sich allgemein auf einem guten Weg.

Die Situation änderte sich jedoch fundamental, als die politische Wende in Mittel- und Osteuropa 1989/90 den "unierten" Kirchen die Freiheit brachte: Vor allem in der Ukraine und in Rumänien tauchten die unter den kommunistischen Regimen verbotenen, zahlenmäßig aber nach wie vor sehr großen Kirchen aus der Illegalität wieder auf. Zugleich entbrannte vielerorts ein heftiger Streit mit der orthodoxen Kirche über Kirchengebäude, die einst den unierten Kirchen gehört hatten.

Die Verbitterung in der orthodoxen Kirche war groß und dies wirkte sich auch auf den ökumenischen Dialog aus. Schon bei der Vollversammlung 1990 in Freising wurde dies deutlich. Die Konferenz war überdies davon überschattet, dass kein Vertreter der serbischen, bulgarischen, polnischen orthodoxen Kirche sowie der orthodoxen Kirche in der damaligen Tschechoslowakei teilnahm. Auch die Vertreter der Patriarchate von Antiochien und Jerusalem waren der Konferenz ferngeblieben.

Die Gespräche im Rahmen der Dialog-Konferenz wurden auf Eis gelegt. Die orthodoxe Seite wollte zuerst die Uniertenfrage gelöst wissen. Erst danach könne man sich wieder den anderen Themen zuwenden, hieß es.

1993 trafen die Delegationen schließlich im libanesischen Balamand wieder zusammen und rangen um eine Lösung. Wieder waren allerdings zahlreiche orthodoxe Kirchen der Konferenz ferngeblieben. Das verabschiedete Dokument trug die Überschrift: "Der Uniatismus - eine überholte Unionsmethode - und die derzeitige Suche nach der vollen Gemeinschaft"

In der Erklärung von Balamand hieß es, dass der "Uniatismus" als Methode für die Kircheneinigung ablehnte, zugleich aber den griechisch-katholischen Gläubigen das Recht auf Existenz und pastorale Betreuung zusprach.

Innerorthodoxe Meinungsverschiedenheiten waren dafür verantwortlich, dass Termine für das Zusammenkommen jener Gremien, die eine weitere Vollversammlung der Dialogkommission hätten vorbereiten sollen, mehrfach angesetzt, aber jeweils verschoben werden mussten. Die für 1999 in Baltimore (USA) geplante Vollversammlung konnte dann aber schließlich 2000 stattfinden. Auch diese brachte aber keinen Durchbruch in der Frage der unierten Ostkirchen. Vielmehr war man davon weit entfernt und konnte nicht einmal ein neues Dokument verabschieden.

Unrealistische "Brückenfunktion"

Wie Prof. Bremer gegenüber "Kathpress" betonte, müsse man in der Frage der griechisch-katholischen Kirchen aber auch innerhalb der Orthodoxie differenzieren. Einerseits sind sich alle Orthodoxen einig, dass die Union kein rechtmäßiges Mittel sein kann. Andererseits seien die verschiedenen Kirchen unterschiedlich davon betroffen. Das größte Konfliktpotenzial gebe es in der Ukraine und in Rumänien. Im Nahen Osten hätte sich hingegen eine relativ unproblematische Beziehung zwischen der Orthodoxie und der griechisch-katholischen Kirche entwickelt. Bremer führte als Beispiel die Situation in Syrien an.

Die Problematik der unierten Kirchen gehe aber jedenfalls über rein kirchenpolitische Aspekte hinaus, so Bremer: "Es geht um die Frage, ob und wie es möglich ist, einerseits den Papst als Bischof der eigenen Kirche mit Vorrangstellung anzuerkennen und andererseits orthodox zu bleiben."

Die von mancher Seite geäußerte Ansicht, die unierten Ostkirchen könnten eine Art "Brückenfunktion" zwischen West- und Ostkirche darstellen, hielt Bremer für nicht realistisch.

Für die katholische Kirche sei die Situation schwierig, weil Rom einerseits Wert auf die ökumenischen Beziehungen zur Orthodoxie legt, andererseits aber auch solidarisch zu den katholischen Ostchristen stehen wolle.

Aber auch die unierten Kirchen würden sich in einer schwierigen Position befinden. Bremer: "Es ist natürlich eine schwierige Situation, wenn einem von orthodoxer Seite grundsätzlich jede Legitimität abgesprochen wird und man zugleich auch von Teilen der katholischen Kirche, zu der man ja gehört, als Problem angesehen wird." Noch dazu, wo viele Mitglieder der unierten Kirche während des Kommunismus für ihre Zugehörigkeit zu Rom das Martyrium auf sich genommen hätten. Das bedrohe die Identität dieser katholischen Kirchen, so Bremer.

Das Fazit des Ökumene-Experten: "Die römisch-katholische Kirche und die orthodoxe Kirche müssen einen Weg finden, einerseits die Realität der griechisch-katholischen Kirchen zu akzeptieren und andererseits einen neuen Weg zur Einheit zu finden."

Griechische und lateinische Tradition

Bremer machte im "Kathpress"-Gespräch auch auf einen weiteren Punkt aufmerksam: Die griechische und die lateinische Tradition des Christentums hätten - ganz abgesehen von den Divergenzen in der Primatsfrage - unterschiedliche theologische Denksysteme entwickelt. Bremer: "Auf der formalen Ebene scheint es weitgehende Übereinstimmung zu geben, beispielsweise in der Sakramentenlehre. Beide Kirchen kennen sieben Sakramente, die im Großen und Ganzen auch identisch zu sein scheinen." Doch stünden dahinter unterschiedliche Sakramententheologien.

Auch im Verständnis der Beziehungen zwischen Staat und Kirche gebe es große Unterschiede wie auch in den historischen Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit der Moderne.

Bremer: "Das alles muss nicht kirchentrennend sein, aber es muss klar sein, dass Ost- und Westkirche in vielen Fragen unterschiedliche Ansätze haben."

Insgesamt könne er einen "sehr langsamen" Fortschritt in den Beziehungen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche feststellen, so Bremer. Er gab zu bedenken, dass die beiden Kirchen über Jahrhunderte keine oder nur negative Berührungspunkte miteinander gehabt hätten und sich erst seit rund 50 Jahren eine Annäherung abzeichnet.

Er warne deshalb auch vor vorschnellen Erwartungen und sehe noch viele Probleme und Rückschläge für die Zukunft, so der Ökumene-Experte. Trotzdem sei er zuversichtlich, "dass der Annäherungsprozess kontinuierlich weitergehen wird".

Heilsoffenbarung

 

Wer das helfende Wort in sich aufruft, erfährt das Wort.

Wer Halt gewährt, verstärkt sich in Halt.

Wer Trost spendet, vertieft sich in Trost.

Wer Heil wirkt, dem offenbart sich das Heil.

 

Martin Buber