„Wie von der Gnade heute sprechen?“
Der Augsburger Lutherische Theologe Petrus Meiderlin (Rupert Meldenius) hat in seiner „Paraenesis“ das oft wiederholte - auch vom II. Vatikanischen Konzil aufgegriffene - Wort geschrieben: „In necessariis unitas, in non necessariis libertas, in utrisque Caritas - im Notwendigen Einheit, im Nicht-Notwendigen Freiheit, in allem die Liebe.“ Ein genialer Spruch, der als Leitspruch viel Schlimmes hätte verhindern und viel Gutes erreichen können, der aber in unseren Tagen für uns Christen dringend notwendig geworden ist. Wer erlebt heute nicht schmerzlich eine Polarisierung in unserer Kirche? Die einen stellen alles in Frage, die anderen wollen keine Frage zulassen. In den zwei extremen Positionen übersieht man aber, dass man eine feste Mitte im Christlichen hat, die Halt gibt und uns alle fest einigen kann.
„Das Notwendige“, das Wesentliche, das Grundlegende um Christentum ist mit einem biblischen Wort gesagt „die Gnade“. - Im Ergänzungsband vom theologischen Werk „Mysterium Salutis“ heißt es wohl „das Urteil, das von einem zurzeit ‚keineswegs üppig gestalteten Feld der Gnadenlehre’ spricht, dürfte nicht übertreiben“ (Seite 355). Und die angesehene Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ gebrauchte vor einiger Zeit den vielsagenden Titel: „Wie von der Gnade heute sprechen?“ Die Geschichte der Gnadenlehre widerspiegelt die Geschichte der Bedeutung des Christlichen. Hier ist die Mitte des Christlichen!
Und das ist der Inhalt der Sendung der Christen. Sprechen wir Christen in unseren Tagen von der Gnade in einer so fremden Sprache, dass die heutige Welt sich vom Christlichen nicht besonders angesprochen fühlt? Spricht uns überhaupt die Wirklichkeit der Gnade an?
Der bedeutende Theologe im 20. Jahrhundert, Karl Rahner, hat im Hinblick auf die Gnade treffend gesagt:
„Hier berühren wir wirklich den Kern des christlichen Wirklichkeitsverständnisses.“
Das christliche Leben, ja sogar das menschliche Leben, ist Gnadenleben. Und Gnadenleben besagt:
• Gott ist der Welt nicht fern, Gott ist im Leben der Menschen nicht abwesend; Gott begegnet dem Menschen, umarmt den Menschen, wohnt im Herzen des Menschen. Gott ist in unserer Welt und in unserer Geschichte zu finden;
• unendliche Liebe, die den Menschen erfasst und ihn frei und froh macht;
• Christus, der die spürbare Freundlichkeit Gottes in der Geschichte der Welt und in der Geschichte eines jeden Menschen ist;
• das Daheim aller Menschen, so dass niemand vor Gott und voreinander fremd ist;
• die Familie Gottes, die in der Liebe, in der Freude, in der Freiheit des Heiligen Geistes lebt;
• mit einem Wort: das Reich Gottes, die neue Erde, die christliche Alternative.
Das war und ist „die Sache Jesu“, das Anliegen der Verkündigung Christi, was Christus uns mit seiner Menschwerdung, mit seinem ganzen Leben, mit seiner Treue bis zum Tod bringen wollte.
Viele Zeichen in unseren Tagen sprechen dafür, dass eine Entchristlichung in unseren Ländern - und nicht nur - schnell voranschreitet. Der französische Theologe Jean Pierre Jossua hat einmal in „Concilium“ geschrieben, dass so mancher sich „gern auf eine heute sozusagen in der Luft liegende Religiosität“ beruft.
Ist das Religiöse „in“? Warum ist das Christliche nicht so „in“? Sind wir Christen fähig, mit dem echt Christlichen eine Ant-Wort zu geben auf das Frage-Wort so vieler Suchenden?
Josef García-Cascales
3.3.2009